Montag, 23. März 2020

Lehrer sind auch nur pupertierende Schüler...

Respekt muss man vorleben, Kollegen!



Desinteressiert und teilnahmslos seien sie: So klagen Lehrer über viele ihrer Schüler. Doch wenn die Pädagogen dann selbst was lernen sollen, benehmen sich manche genauso daneben wie die Kids. Ein Bericht aus der Praxis. 


Von Paul Klingen, aus der FAZ

Donnerstag, kurz vor 8 Uhr, ich schaue in den Vortragsraum. In der Aula einer weiterführenden Schule in Nordrhein-Westfalen sind Tische und Stühle zu einer Art Klassenraum für etwa 80
Erwachsene arrangiert. Beamer und Laptop funktionieren. Thema des Fachtages, für den die Schule mich als Referenten verpflichtet hat: „Aktivierung der Schülerinnen und Schüler in herausfordernden
Klassen“. Es soll um Motivation und Lernbereitschaft gehen, um Konzentration, Zuverlässigkeit und Selbstbeherrschung. Vielen Schülern mangelt es genau daran. Immer wieder klagen Lehrer über
fehlenden Respekt, Nachlässigkeit und Teilnahmslosigkeit. Nicht nur an dieser Schule erschweren Störungen den Unterricht und lassen ein effektives Lernen kaum zu. Die Pädagogen fühlen sich mit der Situation zunehmend überfordert und alleingelassen. Ich blicke in die Gesichter, um Kontakt aufzunehmen, lächle einige freundlich an. Eigentlich kann es jetzt losgehen, es ist 8 Uhr. Aber noch immer trudeln ein paar Teilnehmer ein und suchen sich Plätze, nach Möglichkeit nicht in den vordersten Stuhlreihen. Ich kenne diese Situation, mich erinnert das an das Verhalten von Schülern oder Studenten, die nicht angesprochen werden wollen. Einzelne essen geschwind ihr Müsli oder Brötchen auf. Zu Hause gefrühstückt haben sie offenbar nicht. Und während die meisten schnell im Thema drin sind sowie Papier und Stift oder ihr Tablet bereithalten, sitzen einige vor mir wie in einem Kino- oder Konzertsaal, wo jetzt etwas dargeboten wird. Notizen scheinen sie keine machen zu wollen – ein Indiz für mangelndes Interesse? Ob meinen Kollegen eigentlich bewusst ist, dass sie sich schon in den ersten fünf Minuten meiner Fortbildung aufführen wie die Schüler, über die sie sich immer beschweren? Und warum fällt mir das vor allem bei Männern auf?


Eine kurze Einzelarbeit steht an. Hinten im Raum nutzen zwei Kollegen den Moment, um interessiert auf ihre Smartphones zu blicken. Auch während der Gelegenheiten zum Austausch in kleiner Runde greifen einige unter dem Tisch zum Handy. Spontan entschließe ich mich zu einer paradoxen Reaktion, die ich auch Lehrern im Umgang mit Unterrichtsstörungen empfehle:
Sehr interessiert frage ich einen jungen Kollegen, ob ich einmal mitschauen kann, was da auf seinem Display so spannend sei. Ich bin dabei höflich und lächle; der Mann fühlt sich ertappt, aber nicht bloßgestellt, da wir humorvoll mit der Situation umgehen. Ich beobachte, dass einige andere Kollegen in der Folge ihre Handys wegstecken, manch einer blickt verlegen drein. Allerdings nur für kurze Zeit. Offensichtlich sind nicht nur Schüler, sondern auch bereits viele Lehrer so handyfixiert,
dass sie nicht bis zur nächsten Pause warten können. Schülern kann man Handys wegnehmen. Aber Lehrern?  Apropos Pause: Auch Lehrer sind Gewohnheitsmenschen, weshalb ich meine Fortbildung dem Rhythmus des normalen Schulalltags anpasse und um 9:30 Uhr eine Unterbrechung verkünde
– in genau zwanzig Minuten gehe es weiter. Gleichwohl nutzt ein Teil der Lehrerschaft den im Raum befindlichen Kaffee- und Versorgungstisch, um weiter zu plaudern und die Pause auszudehnen. Die Gespräche drehen sich hier und da bestimmt auch um Unterricht, um Schüler, Klassenarbeiten, Rahmenbedingungen der Arbeit und Ähnliches. Ich will und muss nicht alles wissen. Außerdem ist privater Austausch für das Wohlbefinden wichtig. Aber vorbildliches Verhalten gegenüber der Sache und dem Referenten sieht anders aus. Schließlich werde ich doch ein wenig ungeduldig und bitte
nachdrücklich, Platz zu nehmen. Das Programm ist sehr voll, ohne Effizienz geht es nicht. Ohnehin sollte Lernzeit immer gut genutzt werden. Das ist ein wichtiges Kriterium für guten Unterricht,
und das sollten auch meine Zuhörer heute eigentlich nicht nur wissen, sondern auch im Hier und Jetzt beherzigen. Wissen führt aber bekanntermaßen nicht immer zu entsprechendem Handeln. Im Plenum gibt es einige Gelegenheiten, Fragen zu stellen oder eigene Positionen und Erfahrungen hervorzuheben. Zwei Gruppen von Lehrkräften, die sich prinzipiell in jeder Lehrerfortbildung finden, versperren sich diesem Format. Zum einen gibt es die Bedenkenträger, die mit ihrer „Das-geht-in-meiner-Klasseaber-nicht-Argumentation“ aufwarten und Kollegen auf ihre Seite ziehen wollen.
Das ist heute erfreulicherweise nicht der Fall. Zum anderen ist da die kleine Gruppe der durchgängig Uninteressierten, die die Veranstaltung über sich ergehen lässt. Oder sie begreift sie gleich als willkommene Auszeit vom Unterrichtsalltag. Die Veranstaltung geht bis 16 Uhr. Bereits am Vormittag haben mir einige Teilnehmer signalisiert, dass sie früher wegmüssten, weil sie noch eine weitere Veranstaltung oder nicht zu übergehende Verpflichtungen hätten. Nach und nach verabschieden sich ungefähr 12, 13 Kollegen. Ein Sechstel ist das. In einer Klasse mit 30 Schülern würden im Nachmittagsunterricht jetzt mindestens fünf Jugendliche fehlen. Einige Lehrer bedanken
sich beim Abschied für mein Engagement und das Angebot. Immerhin. Ich bezweifle trotzdem, dass es bei Mercedes, Bayer oder einem anderen führenden Wirtschaftsunternehmen genauso möglich ist, sich von einer Besprechung oder Weiterbildung ad hoc selbst zu befreien. Nun bin ich überzeugt: Selbstkritik ist immer der erste Schritt zur Analyse. Also blicke ich auf meinen persönlichen Beitrag zu dieser unbefriedigenden Situation: Ist es das Thema, sind es die Inhalte oder die Methoden, die zur Flucht drängen? Bin gar ich selbst so ein Langweiler? Ich beruhige mich damit, dass Evaluationen
meiner Fortbildungen für gewöhnlich eher Alltagsrelevanz, Anschaulichkeit und Lebendigkeit spiegeln. Kurz vor dem Ende der Veranstaltung bitte ich die Teilnehmer, sich noch einmal zu vergewissern, welche der Impulse und Anregungen sie denn nun in ihrem eigenen Unterrichtsalltag nutzen möchten. Außerdem sollen sie sich klar darüber werden, was sie im Lehrerteam gemeinsam angehen wollen. Das Gros nimmt diesen Auftrag ernst. Was aber ist mit denen, die diese Form der Selbstreflexion und die damit verbundene kurze Besinnungszeit übergehen? Ich bin überzeugt, dass es diese Selbstverpflichtung zwingend braucht, wenn Fortbildung in der Praxis wirksam werden soll.
Nur wer sich selbst Entwicklungsziele setzt, wird auf Dauer ein guter Lehrer oder eine gute Lehrerin. Wie man weiß, tragen externe Qualitätsanalysen nur unwesentlich mit dazu bei, dass sich der Alltagsunterricht verbessert. Auch veränderte Lehrpläne entwickeln nur eine bescheidene Wirkung. Moderne Medien können den Unterricht beleben und die Schüler in besonderer Weise ansprechen, sie ersetzen aber nicht die Lehrkraft. Auf den Lehrer kommt es an. Das weiß man nicht erst seit 2009, als der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie durch die nach ihm benannte Studie bekannt wurde: eine Metaanalyse von Hunderten von Metaanalysen, die untersuchte, welche Faktoren auf Schülerleistungen einwirken. Sie ergab, dass es weiterhin stark auf die Lehrperson ankommt, ob Schüler in der Schule erfolgreich sind. Allerdings sind dafür ganz bestimmte Fähigkeiten und Kompetenzen nötig. Machen sich Lehrerinnen und Lehrer eigentlich hin und wieder klar, dass ihr Beruf nicht ist wie jeder andere? Ich will hier nicht pauschal Kollegenschelte betreiben. Eine deutliche Mehrheit der Pädagogen in unseren Schulen engagiert sich jeden Tag aufs Neue und ringt trotz schwieriger werdender Rahmenbedingungen darum, den eigenen Unterricht immer noch besser
zu machen. Aber es gibt auch diese Kollegen, die in meinen Veranstaltungen auffallen, weil sie sich verhalten wie unerzogene Schüler. Wie war das noch? Mangelnde Motivation und Lernbereitschaft,
fehlende Konzentration, Zuverlässigkeit und Selbstbeherrschung – angeblich das Problem vieler Schüler. Und was ist mit ihrem Gegenüber? Weder die Bedeutung ihrer erzieherischen Rolle noch die eigene Vorbildfunktion scheint diesen Lehrern präsent zu sein. Und kann man, wenn man selbst
durch Nachlässigkeit und Teilnahmslosigkeit auffällt, guten Unterricht machen? Ich kenne zu diesen Fragen, die ja doch entscheidend sind, keine wissenschaftliche Forschung. Meine Erfahrung jedoch lehrt mich: Wer sich für seine Schüler interessiert, wer selbst mit Neugier an die zu vermittelnden Dinge herangeht und sich lernbereit zeigt, der wird auch von seinen Schülern geschätzt. Wer
hingegen nicht das vorlebt, was er von seinen Schülern erwartet, verliert seine Glaubwürdigkeit. Außerdem verspielt er Anlässe, um die Schüler anspornen und mitnehmen zu können. Unterrichtserfolg ist am Ende des Tages eben durchaus eine Frage der Haltung. Vielleicht nicht nur. Aber ganz bestimmt auch.

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